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20.06.2017, Düsseldorf

Modellprojekt: Soziale Prävention in der Kinder- und Jugendarztpraxis

Ein Interview mit Dr. Karl-Josef Eßer, Projektleiter und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

Kinder- und Jugendarztpraxen erreichen über die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen („U“s) in den ersten Lebensjahren nahezu alle Kinder und deren Eltern. Sie bieten somit ideale Anknüpfungspunkte und Zugänge für Hilfesysteme der Kinder- und Jugendhilfe. Hier setzt das Modellprojekt an, das zunächst an drei Standorten in NRW durchgeführt wird. Maßgabe ist die Entwicklung und Erprobung eines Modells für das systematische Zugangsmanagement zwischen Arztpraxis und den Angeboten der Frühen Hilfen. Ziel ist es, ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern und durch Stärkung der Elternkompetenz zu erreichen. Das Projekt wird gefördert vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein- Westfalen (MGEPA). Initiator und Träger des Vorhabens ist die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). Für die Begleitung der operativen Ebene sowie die Durchführung der Modellstudie wurde eine Projektkoordinierungsstelle zur fachlichen Begleitung des Projekts (PKS) im Institut für soziale Arbeit e.V. (ISA) in Münster eingerichtet. Dr. med. Karl-Josef Eßer ist Leiter des Modellprojekts und seit 2012 Generalsekretär der DGKJ. Zuvor war er 30 Jahre Chefarzt der Kinderklinik Düren, zeitweise zusätzlich Leiter der Sozialpädiatrie und Ärztlicher Direktor.

Herr Dr. Eßer, welche persönlichen Vorerfahrungen bringen Sie mit? Wie kam das Modellprojekt zustande?

In den 30 Jahren meiner Berufstätigkeit als Chefarzt der Kinderklinik in Düren habe ich sehr gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Jugendämtern des Kreises und der Stadt Düren gemacht. Durch gemeinsame Projekte wurde die Zusammenarbeit stetig intensiviert, es entstand beispielsweise ein viel engerer Informationsaustausch untereinander, was letztlich den Kindern zugutekommt. Während meiner Zeit als Generalsekretär für die DGKJ sollen gute Ansätze und Ideen weiterentwickelt werden: Wie können wir in den Praxen der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte eine bessere Kontaktsituation zu den Jugendämtern der jeweiligen Region erreichen? Hierauf soll das Modellprojekt Antworten liefern.

Gibt es bereits vergleichbare Projekte?

Ja, die gibt es! Bereits zu Beginn meiner Tätigkeit bei der DGKJ gab es den Kontakt zu „Babylotse“, einem Projekt aus Hamburg. Der Ansatz dort ist ähnlich: Zunächst wird in der Geburtsklinik der direkte Kontakt zu Familien gesucht, die psychosoziale Probleme haben. Es geht nicht nur um gesundheitliche Probleme  - es können auch finanzielle Nöte sein, Suchtproblematiken, Partnerschaftsprobleme, oder, oder, oder...
 „Babylotse“ war zunächst im Bereich der Geburtshilfe tätig – das allein genügt aber nicht. Auch in den Phasen nach der Geburt können sich noch psychosoziale Schwierigkeiten entwickeln. Aber wie erreicht man die Eltern und ihre Kinder, wenn sie die Geburtsklinik erst verlassen haben? Eines der meistgenutzten Angebote im Anschluss sind die Vorsorgeuntersuchungen in den Kinderarztpraxen. Etwa 98% aller Kinder werden im ersten Jahr dort vorgestellt, hier ist also ein guter Anknüpfungspunkt.

Wie wird dieser Anknüpfungspunkt genutzt, welche Kooperationspartner sind Teil des Projekts?

Um den Weg für eine Kooperation zwischen Kinder- und Jugendarztpraxen und der Kinder- und Jugendhilfe zu ebnen, wurde die „Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit und Frühe Hilfen“ gegründet, die zurzeit über 150 aktive Teilnehmende umfasst. Wir suchen nun im Projekt das beste Modell des direkten Kontaktes zwischen Jugendämtern, Frühen Hilfen, anderen Hilfestrukturen mit belasteten Familien. Unser Ansatz ist, das Jugendamt in die Kinder- und Jugendarztpraxen zu bringen. Mit der Durchführung der Modellphase und der Begleitung der Modellstandorte ist das Institut für soziale Arbeit aus Münster betraut. Die Evaluation erfolgt über ein Institut, das in Hamburg-Eppendorf an der Universität beheimatet ist. So wird das Modell vergleichbar mit anderen Projekten und liefert evaluierte Methoden für die Praxis. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen.

Welche Ziele verfolgt das Präventionsmodell? Und welche Chancen bietet es?

Das sind im Grunde drei Ziele: Das erste Ziel ist die Früherkennung. Durch das niedrigschwellige Angebot in der Kinder- und Jugendarztpraxis werden Kontakte zum Jugendamt vermittelt, sodass Probleme innerhalb von Familien sehr frühzeitig bekämpft werden können. Zum Zweiten kommen Kinder- und Jugendärzte in den direkten Kontakt zum Jugendamt und können darüber zum Beispiel auch einzelne Fälle weiterverfolgen. Der Weg zum Jugendamt fällt weg, indem die Sprechstunde der Kinder- und Jugendhilfe in der Kinderarztpraxis stattfindet. Drittens arbeiten viele Ärzte in Kinder- und Jugendpraxen naturgemäß krankheitsorientiert. Um präventiv wirksam werden zu können, muss man sich jedoch auch in die psychosozialen Probleme einer Familie einarbeiten, das braucht sehr viel Zeit. Wenn der Arzt / die Ärztin aber schon im Ansatz ein mögliches Problem erkennt, kann er / sie an die Sprechstunde des Jugendamts in der Praxis verweisen, wo dann direkt kompetente Beratung und Hilfen gegeben werden können.

Gerade für die sozial schwächeren Familien bietet Prävention viele Chancen: Die Idee durch bessere Gesundheit eine bessere Bildung zu ermöglichen tragen mittlerweile auch viele Kinder- und Jugendärzte. Wir müssen aber nicht erst im Kindergartenalter oder gar im Schulalter aktiv werden, sondern viel früher – nämlich zu Beginn der Schwangerschaft und direkt nach der Geburt. Kinder- und Jugendärzte sollten diese Chancen nutzen im Interesse ihrer zu betreuenden Patienten.

Welche Pilotstandorte gibt es und wie läuft die Zusammenarbeit ab?

Solingen, Dortmund und Düren – drei Standorte mit insgesamt vier Jugendämtern. Wir haben mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Jugendämtern ausführliche Gespräche gehabt und die drei teilnehmenden Praxen natürlich ausführlich darüber informiert, was auf sie zukommt. Innerhalb der Projektlaufzeit soll sich zeigen, was man mit der frühen Erkennung von psychosozialen Problematiken erreichen kann: Wie viele der Familien eine solche Betreuung akzeptieren, wie viele Familien abspringen während der Zeit und wie vielen Familien tatsächlich geholfen werden kann. Es geht auch um die Erfahrungen der beteiligten Kolleginnen und Kollegen aus den Kinderarztpraxen und dem Jugendamt, ihre Perspektive auf das Modellprojekt: Was war hilfreich, was eher nicht. Der Ausgang des Projektes ist also offen, und das ist auch gewollt so. Wir vergleichen unseren Ansatz dann mit den Ideen, die unsere Kollegen in Hamburg haben, wo die MFAs (medizinisch-fachlichen Angestellten) oder der Arzt/die Ärztin die Rolle des Jugendamtes übernehmen. Wir wollen sehen, was da Sinn macht.

An welche Familien richtet sich das Sprechstundenangebot?

An alle Familien! Es ist ja nicht nur so, dass psychosoziale Probleme bei niedrigerer Bildungsstruktur oder sozialer Armut vorhanden sind, das kann auch in ganz anderen Familien der Fall sein. Entscheidend ist für uns letztlich die Früherkennung.

Inwiefern geht das Modellprojekt über die "Frühen Hilfen" hinaus?

Die Frühen Hilfen sind ein ganz wichtiges Instrument bei der Betreuung von psychosozial auffälligen Familien. Aber die Frühen Hilfen sind darauf angewiesen, dass ihnen Kinder und Familien zugewiesen werden. Hier liegt die Krux: Oft fällt eine Familie erst auf, wenn sie schon sehr große Probleme hat. Unsere Idee ist, die Früherkennung zu fördern, d.h. schon im Ansatz der Problematik helfen zu können.

Gehen die Ärzte aktiv auf die Patienten zu? Werden sie dafür speziell geschult?

Ja, die Ärzte erhalten zunächst eine spezielle Schulung, darüber hinaus gibt es einen Screening-Bogen, den die Hamburger Kollegen entwickelt haben. Diesen Bogen füllt jede Familie in der Kinder- und Jugendarztpraxis aus. Von den Ergebnissen kann man schon ableiten, ob eine Problematik vorliegen könnte oder nicht. Das wird dann bei der Vorsorgeuntersuchung direkt angesprochen und überprüft. Der erfahrene Kinder- und Jugendarzt sieht das den Eltern oft auch „an der Nase“ an. Wenn ein sehr gutes Vertrauensverhältnis besteht, erzählen die Eltern so etwas auch von selbst. Das ist aber natürlich nicht immer der Fall und insofern ist der Screening-Bogen sinnvoll und hilfreich. Der Bogen wird im Modellprojekt ebenfalls evaluiert.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts?

Wir möchten das Projekt gerne in den nächsten 2-3 Jahren konsequent in NRW und in Hamburg fortführen. Daraus lassen sich dann Erkenntnisse ziehen, welches das beste Modell ist. Und dieses Modell möchten wir gerne in die Regelversorgung einbringen. Familien, die Auffälligkeiten zeigen, die Not haben, soll möglichst früh geholfen werden und das auf Basis eines erprobten und evaluierten Systems.

Vielen Dank für das Gespräch!