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29.06.2017, Leverkusen

BasKIDball - Kein Korb für die Freundschaft

In Leverkusen trainieren jede Woche um die 80 Kinder und Jugendliche Basketball. Im kostenlosen Angebot "BasKIDball" sporteln, lachen und toben sie in bunt gemischten Gruppen und zeigen, dass Sport verbindet und Freundschaft keine Grenzen hinsichtlich Alter, Geschlecht und Herkunft kennt.

Leverkusen, Manfort, mitten im Hochhausviertel. Hinter den verwinkelten Höfen der Theodor-Wuppermann-Schule, eröffnet sich eine Spielfläche, an die eine Turnhalle grenzt. Aus den offenen Türen dringt Hip Hop-Musik, Fußgetrappel und das Peitschen aufprellender Bälle.

In der Halle dribbelt gerade der Syrer Mohammad quer über das Spielfeld - vorbei an der Albanierin Disona Fierza und wird von Yany Abdullah aus dem Irak kurz vor dem Korb geblockt. Der Syrer stoppt, setzt an und wirft den Ball über Yanys Kopf in den Korb. Trainer Hansi Gnad jubelt, Mohammad klatscht ab und weiter geht's.

Die Schüler haben eins ihrer Smartphones an die Boxen angeschlossen. Jeder darf mal seine Lieblings-Playlist spielen. "Mit Trainingsalltag hat das hier nichts zu tun, die Kinder sollen `Gaudi` haben", sagt Trainer Hansi Gnad, der hier alle überragt. Der zwei Meter und acht Zentimeter große Riese ist ehemaliger Rekordnationalspieler, war 1993 Basketballeuropameister und kommt auf über 180 Länderspiele. Seit zehn Jahren ist er nun als Trainer tätig und seit drei Jahren für das integrative Leverkusener Projekt "BasKIDball". Die Kinder und Jugendlichen, die er hier trainiert, sind mehrheitlich Migranten. Flüchtlinge aus Syrien oder Irak, aus Eritrea oder auch Rumänien oder Bulgarien. "Wir wollen die Kids von der Straße kriegen", sagt Gnad. Der 54-Jährige hat mit BasKIDball eine erfüllende Beschäftigung gefunden. "Die Kinder sollen etwas haben, wo sie zwei Mal in der Woche hingehen können, um Spaß mit Freunden zu haben. Ich glaube das können wir ihnen bieten."

So wie Yany Abdullah: Der 15-Jährige ist vor anderthalb Jahren mit seiner Familie aus dem Irak gekommen und fühlte sich zu Beginn in Deutschland wie in einem Gefängnis: "Ich konnte kein deutsch, durfte nicht zur Schule und musste den ganzen Tag im Flüchtlingsheim bleiben". Doch dann boten ihm Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt das kostenlose Training von "BasKIDball" an.

Yany, der im Irak schon fünf Jahre Basketball gespielt hatte, knüpfte in der Halle die ersten Kontakte in seiner neuen Heimat. Seitdem kommt er jeden Dienstag und Donnerstag zum Training: "Es ist hier unsere Zeit. Wir können machen, was wir wollen und es hat mir sehr mit der Sprache geholfen."

Auch wenn hier alles locker und auf Spaß ausgelegt ist, nehmen Yany und viele der anderen Jugendlichen den Sport ernst - so auch Korbleger Mohammad Shahawi: "Selbst wenn wir kein Training haben, spielen wir auf dem Spielplatz", berichtet er. Der 15-Jährige ist mit seiner Familie aus Syrien nach Leverkusen geflohen. In seiner Heimat habe er nur Fußball auf der Straße gespielt, erzählt er. Erst in Leverkusen wurde sein Basketball-Talent entdeckt. Mittlerweile ist er - genau wie Yany - im Kader der Jugendmannschaft von Bayer Leverkusen.

Pro Woche nehmen rund 80 Kinder und Jugendliche teil. Zwei Trainer, die von jeweils einem FSJ-ler unterstützt werden, bieten jede Woche an sechs Terminen in fünf Hallen verschiedener Stadtteile die offenen Trainingsstunden an. Mehrere Akteure machen das kostenlose Angebot gemeinsam möglich. Die Stadt Leverkusen stellt die Hallen zur Verfügung und die pädagogische Begleitung. Private Förderer geben außerdem Mittel an den gemeinnützigen Verein, der das gesamtdeutsche Projekt finanziell unterstützt.

"Durch den Sport bekommen die Jugendlichen eine Anbindung an andere Kids, werden richtig integriert", sagt Volker Menge. Er ist Mitarbeiter des Leverkusener Jugendamtes, bei jedem Training mit dabei und der Ansprechpartner für alle Themen. Viele der Neuen in Leverkusen suchten bei ihm Rat, sagt Menge. Das könnten ganz profane Sachen sein, wie etwa: `Ist morgen Training?`, aber auch Konflikte mit Leuten außerhalb des Trainings oder Hilfe bei einem Antrag. Weil in Schulturnhallen trainiert wird, sei Menge ganz nah dran an der Lebenswelt der Jugendlichen und könne bei Schulproblemen auch mal auf dem kurzen Dienstweg mit Lehrern sprechen. Oft ersetze er aber auch einfach eine fehlende erwachsene Kontaktperson - insbesondere für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. "Meist wollen sie sich einfach mitteilen, erzählen von einer guten Note oder fragen mich, was ein bestimmter Songtext von Crow bedeutet." Für all das sieht sich der Pädagoge zuständig und ist deshalb auch am Wochenende für die Jugendlichen erreichbar. Eine Evaluation ergab, dass die Trainer und Pädagogen in den verschiedenen bundesweiten Standorten von BasKIDball wichtige Vertrauenspersonen geworden sind.

Auch Alex Augsten ist ein wichtiger Ansprechpartner für die Jugendlichen. Er macht sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei "BasKIDball" und ist heute als Schiedsrichter mit auf dem Feld. "Viele waren anfangs schüchtern und verschlossen. Mittlerweile trauen sie sich auf andere zuzugehen und was hier angefangen hat, machen sie jetzt auch in der Schule", erzählt er in einer Spielpause vor der Halle. Ihn würden die Jüngeren oft auch knuddeln und umarmen. "Weil es ihnen fehlt", glaubt der 19-Jährige.

Die Hälfte der teilnehmenden Kinder stammen aus Deutschland, die andere Hälfte hat Wurzeln in fast 70 Ländern. Viele der Jugendlichen haben in den Kriegsgebieten, aus denen sie geflohen sind, schlimme Dinge erlebt oder kommen aus Armut und Perspektivlosigkeit. Der Sport stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl, sagt Volker Menge und Trainer Gnad ist froh, dass er den Pädagogen an seiner Seite hat: "Die Jugendlichen reden kaum darüber, aber wo wir helfen können, machen wir das und dann weiß ich, dass Volker Menge die richtige Adresse ist und er sich kümmert". Das Projekt hat Hansi Gnad zum Nachdenken gebracht: "Fast alle hier sind Migranten aus Regionen, über die wir täglich in der Presse lesen", sagt er, "und die Kids benehmen sich alle total anständig, wir hatten nicht einmal Stress. Die spielen zusammen, im Alter von 11 bis 17 Jahren und nehmen Rücksicht auf die Mädchen", die bundesweit circa 30 Prozent der Teilnehmenden ausmachen.

Zusammengefasst erfüllt das Projekt weitreichende Kriterien für sinnvolle Präventionsarbeit. Es erhöht die Chancengleichheit und beugt Ausgrenzung vor, weil es Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters, Geschlechts, Nationalität oder familiären Hintergrunds zusammenbringt, es ist kostenlos und niedrigschwellig, da es in den Schulturnhallen direkt an die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen angedockt ist - als freiwilliges Angebot, das niemanden zur Teilnahme verpflichtet.

Auch die Albanierin Disona Fjerza wurde hier freundlich aufgenommen. "Anfangs kannte ich keinen und es war sehr schwer für mich", erinnert sich Disona. "Dann habe ich Hansi und Volker und die anderen kennen gelernt und das hat alles besser gemacht". Disona rennt jetzt mit Mohammad um die Wette, wirft den Ball Richtung Korb, der prallt ab und fliegt wieder aufs Feld. Disona flucht und lacht, Yany drückt sie kurz an sich und wuschelt ihr durch die Haare. Die 16-jährige Disona fühle sich inzwischen sehr wohl in Leverkusen, sagt sie verschwitzt am Spielfeldrand: "Weil ich hier Freunde und eine Zukunft habe."