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24.03.2017

Werkstattbericht: In Typen denken

Muster der Inanspruchnahme präventiver Angebote

Präventive Angebote gibt es viele. Aber wer nimmt diese Angebote in Anspruch? Und wer ist schwer zu erreichen? Dieser Werkstattbericht untersucht, ob es abgrenzbare Nutzer-Typen gibt, die sich definieren lassen. Eine solche Typologie soll bei der Gestaltung von passgenaueren Angeboten helfen, die genau die Gruppen erreichen, die angesprochen werden sollen.

Basis der Analyse sind 45 leitfadengestützte Elterninterviews, die 2014 im Kreis Warendorf, in Gelsenkirchen und Dormagen mit Eltern geführt wurden.

In der kommunalen Angebotsplanung und -gestaltung spielt die Vorstellung davon, welche Zielgruppe erreicht werden soll, eine wichtige Rolle. Je genauer die Zielgruppe eines Angebots umrissen wird, desto eher ist es möglich, ein passgenaues Angebot zu entwickeln und anzubieten. Eine Zielgruppe wird meist über eines oder mehrere Merkmale definiert. Dazu zählen zum Beispiel Alter, Geschlecht oder Familienstatus. Über die Nutzungsmotive und die "Handlungslogik" der Adressaten ist damit aber noch nichts ausgesagt. Diese allerdings geben wesentliche Auskünfte darüber, ob und warum präventive Angebote so ausgerichtet sind, dass sie subjektiv sinnvoll erscheinen, was wiederum eine zentrale Voraussetzung für ihre Inanspruchnahme ist.

Präventiv ausgerichtete Förderung und Unterstützung kann über viele unterschiedliche Wege angegangen werden. Dementsprechend ist das Angebot vielfältig. Zu vermuten ist, dass sich Handlungslogiken der Familien auch nach dem Angebotstyp unterscheiden.

Die einzelnen Angebote, von denen die Eltern in den Interviews berichteten, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Funktion und ihrer Nutzungsbedingungen beträchtlich. In diesem Werkstattbericht wurde eine Unterscheidung zwischen fünf Angebotsarten vorgenommen: Angebote rund um Schwangerschaft, Angebote mit Belastungsbezug sowie Freizeit-, Betreuungs- und Bildungsangebote.

Aber auch bei der gleichen Angebotsart muss genau hingeschaut werden. Zum Beispiel funktioniert die Inanspruchnahme von schwangerschaftsbegleitenden Angeboten beim ersten Kind nach einer anderen Logik als etwa beim vierten Kind.

Die Inanspruchnahme von Beratungs- und Unterstützungsangeboten setzt das Erkennen eines Bedarfs in der Familie voraus. Das gelingt nicht allen. Es gibt Familien, die objektiv belastende Situationen subjektiv nicht als belastend wahrnehmen, und umgekehrt Familien, in denen bereits kleinste Irritationen des Alltags zu einem manifesten Problem aufgebaut werden. Die Darstellung von Problemwahrnehmungstypen soll dieses Phänomen näher beleuchten.

Wenn die Familien ein Problem tatsächlich wahrnehmen und eine Verbesserung anstreben, muss aber auch der nächste Schritt erfolgen. Die Familie muss die Nutzung eines präventiven Angebots als geeignete Handlungsoption in Belastungssituationen erkennen. Gynäkologen, Kinderärzte, aber auch Behörden, mit denen Familien einen routinierten Kontakt pflegen, sollten in ihrer Funktion als Türöffner und Vermittler aktiv in den Prozess einbezogen werden, um auch diejenigen Familien zu erreichen, die nur äußerst selten präventive Angebote in Anspruch nehmen. Außerdem ist es wichtig, kommunale Akteure als zentrale Anlaufstellen noch mehr in den Gelegenheitsstrukturen und Lebenswelten aller Familien zu verankern und somit weitere nützliche Routinen zu schaffen. Gerade die Inanspruchnahme von Angeboten der "Frühen Hilfen" kann dabei den Grundstein für eine erfolgreiche und langfristige Zusammenarbeit zwischen Familien und präventiven Angeboten bilden.

Schriftenreihe Arbeitspapiere wissenschaftliche Begleitforschung "Kein Kind zurücklassen!"
Bertelsmann Stiftung
Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR)

Autoren: Dr. Jörg Kohlscheen und Theresa Nagy

Redaktion: Dr. Regina von Görtz, Projektleitung "Kein Kind zurücklassen!", Bertelsmann Stiftung Dr. David H. Gehne, Forschungskoordinator "Kein Kind zurücklassen!", ZEFIR Bochum