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19.02.2014, Dortmund

Netzwerk mit vier Rädern

Dortmunder Zivilgesellschaft unterstützt lokales Quartier

Asiye macht große Augen, als sie vor der Milchglasscheibe steht. Sie drückt auf einen Knopf und das Glas wird wie von Zauberhand durchsichtig. „Schaut mal“, ruft sie spontan den anderen Kindern um sie herum zu. So etwas hat die 8-Jährige, die aufgrund der finanziellen Situation ihrer Eltern bislang nie einen richtigen Ausflug gemacht hat, noch nicht gesehen.

Heute besucht Asiye zusammen mit einer Gruppe von sechs Mitschülern der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund das interaktive Wissenschaftsmuseum Phänomenta in Lüdenscheid. Verschiedenste Experimente können in dem mehrstöckigen Gebäude ausprobiert werden: archimedische Schraube, Resonanzröhre oder magnetische Kreise. Hier gibt es Physik zum Anfassen.

Doch was Asiye und ihre Mitschüler nicht wissen: Ohne die Einbindung eines lokalen, zivilgesellschaftlichen Netzwerkes hätte diese Fahrt nie stattgefunden. Seit knapp einem Jahr steht allen Bewohnern des Quartiers ein Kleinbus zur Verfügung, den sie kostenlos für Ausflüge nutzen können.

Im Dortmunder Norden gibt es mit dem Netzwerk „INFamilie“ einen Zusammenschluss sozialer Akteure im Quartier Brunnenstraße und Hannibalviertel. „Ziel ist es, allen Kindern eine gute Chancen in der Schule und im Beruf zu ermöglichen“, erläutert Ingolf Sinn, Koordinator des Netzwerkes beim Dortmunder Familien-Projekt. Ein wichtiger Baustein ist hierbei jener Kleinbus, das INFamilie-Mobil. Ein Auto, das von einem örtlichen Autohaus gesponsert wurde. Mit dem Fahrzeug können alle Institutionen im Quartier Ausflüge unternehmen. Das Autohaus, Spender des Fahrzeugs, ist nur einer von zahlreichen weiteren Partnern aus der Zivilgesellschaft, die die Arbeit des Netzwerks unterstützen. Dazu gehört der örtliche Lions-Club, die Bäckerei um die Ecke, eine Stiftung oder auch der lokaler Mieterverein.

Ingolf Sinn: „Viele Bürger verlassen unser Quartier kaum.“ Häufig hätten Familien mehrere Kinder, um die sie sich kümmern müssten. Auch erreichten sie oft nicht die Informationen über mögliche Aktivitäten. Das INFamilie-Mobil ist hierbei eine gute Hilfe, die von vielen beteiligten Projekten im Quartier dankend in Anspruch genommen wird. Eine Fahrt von Müttern zu einem Bildungsvortrag, ein Ausflug von Kindern zu einer Wanderung durch die Kluterhöhle in Ennepetal oder ein Fahrt zum pädagogischen Reiten – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die ganze Präventionskette des Quartiers hat Zugriff auf das Fahrzeug.

„Allein die Tatsache, dass es den Bus gibt, hat eine ganz wichtige psychologische Wirkung“, so Ingolf Sinn. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger aus dem Quartier seien so selbstbewusst und unternähmen alleine einen Ausflug. „Aber eine Gruppe bietet Schutz, hier fühlen sich die Leute wohl.“ Dadurch sinke die Hemmschwelle, um aus dem Quartiert herauszukommen.

Geparkt wird der kleine Bus direkt vor der Grundschule Kleine Kielstraße. Die AWO-Tochter dobeq koordiniert die Nutzung des Fahrzeugs durch den offenen Ganztag der Grundschule Kleine Kielstraße. Das Benzin wird durch Spenden und durch Eigenmittel finanziert. Die Inspektion übernimmt das Autohaus, das den Wagen kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Anne Migos ist Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Kleine Kielstraße. Sie freut sich besonders darüber, dass viele helfende Hände dazu beigetragen haben, dass das INFamilie-Mobil nun endlich auf der Straße ist. „Es ist für die Persönlichkeitsentwicklung unheimlich wichtig, dass die Kinder rauskommen. Im besten Fall erzählen sie ihren Eltern von ihrem Ausflug und fahren später mit ihnen dorthin.“ Doch nicht jede Familie hat die finanziellen Möglichkeiten, sich einen solchen Ausflug zu leisten. Deswegen sei sie umso glücklich darüber, dass es aus der Zivilgesellschaft so viel Unterstützung gebe.

Durch die Einbindung der Zivilgesellschaft hat sich das Netzwerk noch einmal vergrößert. Städtische und freie Träger können durch die gemeinsame Nutzung ihren Kontakt untereinander verstärken. Nebenbei entsteht auch ein Gemeinschaftsgefühl, wenn man mit dem Auto des Quartiers unterwegs ist. Und das nicht zuletzt deshalb, weil das Fahrzeug noch mit entsprechenden INFamilie-Folien beklebt ist.

Ingolf Sinn hat noch viele Pläne: „Wir wollen den Kindern auch Urlaube ermöglichen, damit sie mal rauskommen.“ Ihm schwebt ein mehrtägiger Aufenthalt auf einem Bauernhof vor. Das Team von INFamilie ist dank guter Unterstützung aus dem Quartier gut aufgestellt. „Wir könnten sogar beim Packen der Tasche helfen“, scherzt er, der selbst Vater von einem erwachsenen Sohn ist. Erste Kontakte zur Tourismusbranche im Sauerland sind schon geknüpft.

Für Asiye geht nach drei Stunden ein spannender Ausflug im Wissenschaftsmuseum Phänomenta zu Ende. Ihre Augen strahlen auch beim Verlassen genauso wie beim Experiment mit der Milchglasschreibe. Was ihr besonders Spaß gemacht hat? „Wir konnten alles selbst ausprobieren.“ Erfahren konnte sie das alles nur, durch gute Netzwerkarbeit und Hilfe aus der Zivilgesellschaft.