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05.01.2017

"Hier wird hochprofessionelle Arbeit geleistet."

ein Gespräch mit Landesrätin Ursula Lackner aus der Steiermark über ihren Besuch in NRW

Ursula Lackner, Landesrätin aus der Steiermark. Bild: ISA / Andreas Endemann.

Schon zum zweiten Mal ist eine Delegation aus Österreich angereist, um sich über die Landesinitiative "Kein Kind zurücklassen! Für ganz Nordrhein-Westfalen" zu informieren. Bereits während der Modellphase war eine Delegation aus Vorarlberg zu Besuch in mehreren Modellkommunen. Nun zu Beginn der Ausweitung der Präventionsarbeit in Nordrhein-Westfalen empfing das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport 26 Gäste aus der Steiermark - unter ihnen Ursula Lackner, Landesrätin für Bildung und Gesellschaft.  

Eine Delegation aus Österreich, die sich über Präventionsarbeit in Nordrhein-Westfalen informiert, ist außergewöhnlich. Was ist Ihre Motivation, sich die Präventionskette in Nordrhein-Westfalen anzuschauen? Wie sind Sie auf das Projekt "Kein Kind zurücklassen! Für ganz Nordrhein-Westfalen" aufmerksam geworden?

Vor etwa einem Jahr ist mir aufgefallen, dass Nordrhein-Westfalen manche Dinge anders betrachtet. Nach dem Studieren der Unterlagen der Dachmarke "Kein Kind zurücklassen!" war mir klar, dass wir manches davon für die Steiermark als Vorbild nehmen können. Es ist mir dann auch bekannt geworden, dass das Bundesland Vorarlberg schon einmal hierher geschaut hat und manches mitnehmen konnte. Im Sommer habe ich Einrichtungen in Vorarlberg besucht: Kinderkrippen, Kindergärten und auch Betriebe, die über Betriebskindergärten ein neues Angebot für Kinder und Eltern realisiert haben. Danach war mir klar, dass auch ich hierher kommen sollte, um mit jenen Menschen, die das kreiert haben, die das durchführen und die sehr strukturiert und kompetent an dieses Modell herangegangen sind, zu sprechen. Dies sollte nicht nur mir vorbehalten sein. Es sollte auch den steirischen Gemeinden und Städten möglich werden, sich hier eine erste Orientierung zu suchen, um dann in der Steiermark weiterzumachen.

Ihre Delegation besteht aus 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich drei Tage Zeit nehmen. Warum sind sie mit einer so großen Personenzahl angereist? Und wie haben sie die Delegation ausgesucht?

Kinder gut zu unterstützen, das ist ja nicht nur eine Aufgabe des Landes, sondern auch eine Aufgabe der Gemeinden. Sie sind die relevanten Partner für das Land, wenn es um Kindergärten, Kinderkrippen und Schulen geht. Nicht zuletzt, weil sie da eine immens wichtige Rolle einnehmen. Aus diesem Grund habe ich die Gemeinden, aber auch Gemeindebund, Städtebund und Bezirksverwaltungsbehörden eingeladen, mitzukommen. Gleichzeitig ist festzustellen, dass "Kein Kind zurücklassen" kein Thema von Bildung, von Sozialem, Gesundheit oder von Regionalentwicklung allein ist. Es braucht eine Gesamtbetrachtung aus allen Themenfeldern heraus. Diejenigen, die dann vor Ort wichtig werden, die das umsetzen, das sind die Gemeinden und die Städte. Und deswegen sind sie auch Teil dieser Delegation.

Sie haben gerade verschiedene Themenbereiche angesprochen, die alle auf das Thema Präventionsarbeit eingehen. Wie sehen sie die Möglichkeiten, diese großen Themenfelder zusammenzubringen?

Wir haben in allen unseren Gemeinden zweifellos die notwendigen Institutionen und Einrichtungen. Diese sind über die letzten Jahrzehnte gut gewachsen und gut verankert. Aber wir bemerken nun, dass diese einzelnen, oft alleinstehenden Säulen den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Die Gesellschaft verändert sich unglaublich schnell. Sie verändert sich in ihren Ansprüchen, in ihrer Haltung gegenüber Themen und Herausforderungen. Mit dieser Struktur, die gewachsen ist, finden wir nicht mehr das Auslangen. Wir haben als Politik und auch als Verwaltung alles daran zu setzen, dass die Systeme miteinander in Kommunikation kommen. Ein Beispiel: Kindergarten und Schule. Diese Institutionen funktionieren für sich. Aber es kann nicht sein, dass sie das Kind nur getrennt voneinander betrachten. Im Mittelpunkt steht die Begleitung des Kindes. Um diese optimal zu gewährleisten, müssen die einzelnen Räder der Institutionen ineinander greifen und nicht unabhängig voneinander agieren Um diesen Übergang, den wir Transition nennen, besser zu gestalten, haben wir schon vor einem Jahr eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die Schulbehörden und Kindergarteninstitutionen an einen Tisch holt. Tatsächlich haben wir dabei bemerkt, dass der Kindergarten und die Schule noch nie aufgefordert worden waren, miteinander etwas zu entwickeln. Das ist nicht im Sinne der heutigen Zeit. Da müssen wir einiges dazu tun, dass sich diese Systeme miteinander vernetzen. Im Fokus steht immer die Sicht des Kindes. Was braucht es an Begleitung von einer Station des Lebens zur nächsten? So soll es eigentlich auch in anderen Bereichen weitergehen. Wir müssen den Gesundheitsaspekt ebenso berücksichtigen wie den sozialen Aspekt. Das alles muss schließlich immer aus dem Blickwinkel des Kindes und dem der Familie betrachtet werden.

In den drei Tagen Ihres Delegationsbesuchs haben Sie viele Einrichtungen gesehen, Gespräche geführt und Eindrücke gewonnen. Was werden sie konkret von dem Besuch in Nordrhein-Westfalen mitnehmen?

Hier hat ein unheimlich engagiertes Team die Dachmarke "Kein Kind zurücklassen!" aufgebaut, zum Leben erweckt - und hält diese lebendig. Dazu wurden hohe Anforderungs- und Qualitätskriterien definiert, die auf die Gemeinden, die Städte sowie auf die Einrichtungen umgelegt werden. Es herrscht keine Beliebigkeit vor. Hier  wird hochprofessionelle Arbeit geleistet. Ich nehme für mich mit, dass meine Rolle in der Steiermärkischen Landesregierung sein kann, ein solches Bekenntnis abzugeben. Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Landesregierung zu sagen: Ja, wir wollen auch unter diesen Aspekten Kinder und Familien unterstützen - bei ihrer großen Aufgabe, ins Leben hinein zu wachsen und selbstständig zu sein.

Österreich ist ein anderes Land. Da gibt es viele Unterschiede allein schon in der Struktur. Inwiefern lässt sich die Präventionsarbeit aus Nordrhein-Westfalen übertragen? Was sind Aspekte, die man direkt so umsetzen kann, die sie hier kennengelernt haben?

Wir haben im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen viel kleiner strukturierte Gemeinden und Städte. Die Landeshauptstadt Graz hat 280.000 Einwohner, die nächstgrößere Stadt liegt bei 30.000. Hier haben wir eine andere Situation. Das war uns auch bewusst. Aber den Zugang, wie wir Kinder gut begleiten können, diesen theoretischen Ansatz können wir gut übernehmen. Weil wir erkennen, dass die Verwaltung eine hohe Sensibilität entwickeln muss, sich diesen Herausforderungen anders zu nähern. Das Zusammenschauen spielt eine wesentliche Rolle. Wenn wir als verantwortliche und verantwortungsvolle Politikerinnen und Politiker erkennen, dass es sowohl für das Land, als auch für die Gemeinden einen Mehrwert hat, die Dinge neu zu betrachten, können wir auch wirklich gute Projekte in der Steiermark aufsetzen. Dafür braucht es allerdings einen strukturierten Prozess und Qualitätskriterien, die von vornherein definiert werden müssen.

Gibt es aus ihrem Besuchsprogramm Einrichtungen oder Zusammenhänge, die Sie besonders überzeugt haben? Bei welchem Beispiel guter Praxis glauben Sie, dass es auch in der Steiermark funktionieren würde?

Das Familienzentrum in Gelsenkirchen hat alle Mitreisenden begeistert. Man konnte einfach und niederschwellig - im wahrsten Sinn des Wortes - vom Gehsteig gleich in diese Einrichtung gehen. Sie war belebt von Kindern und von Eltern, die sich informieren können, die ein umfassendes Angebot bekommen für die Bewältigung der täglichen Herausforderung des Elternseins. Es ist ein leuchtendes Beispiel, das wir in die Steiermark mitnehmen können. Nicht zuletzt, weil man in dem Fall nicht lange warten muss, sondern unmittelbar in die Umsetzung gehen kann.

Sie heben ein Beispiel heraus, wo Sie gleich starten können. Wie sieht Ihre Zielsetzung konkret aus? Was sind ihre nächsten Schritte in der näheren Zukunft?

Die Gemeinden und Städte, die nach Nordrhein-Westfalen mitgekommen sind, sind bereits ungeduldig. Es wurde auch schon darüber gesprochen, Anträge einzureichen, um gleich ins Arbeiten zukommen. Da möchte ich zwar nicht bremsen, aber zumindest ein Stück weit entschleunigen. Schließlich haben wir gesehen, dass es klare Strukturen ebenso braucht wie ein Management, das sich um die Qualität und die Vergleichbarkeit von Maßnahmen kümmert. Um die Gemeinden jetzt aber nicht ganz herunterzuholen: Wir - das Land und die Gemeinden - werden diese Parameter miteinander entwickeln, immer mit dem Ziel, allen Kindern Chancengerechtigkeit zukommen zu lassen. Und nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern. Dazu bedarf es einer funktionierenden Struktur. Nordrhein-Westfalen kann hier ein Best-Practice Beispiel sein. Ich freue mich auf die gemeinsame Reise, zu der sich das Land Steiermark mit den Gemeinden aufmacht - wir werden ganz sicher nächstes Jahr schon Fahrt aufnehmen.